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IGV-Nahverkehrskongress in Graz: Öffentlicher Verkehr als Wirtschaftsfaktor

Massive Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs als stabilisierender Faktor für Wirtschaftsstandort gerade in Krisenzeiten unterstrichen

Von 23. bis 24. März tagten namhafte Wirtschafts- sowie Verkehrsexperten in Graz zum Thema „Öffentlicher Verkehr als Wirtschaftsfaktor“. Beide Tage des Nahverkehrskongresses nutzten die in- und ausländischen Experten, um gemeinsam in vier Arbeitsgruppen die Themen „Investitionen“, „Herausforderungen“, „Wirtschaftsfaktoren“ und „Finanzierung des öffentlichen Verkehrs“ zu diskutieren. Im Fokus der oft intensiven Diskussionen wurde ohne Denkverbote über Fahrpreisgestaltung ebenso debattiert wie über Investitionsnotwendigkeiten, die Herausforderung der Zersiedelung in vielen Regionen oder Effekte der Sparpolitik in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Investitionen in Schieneninfrastruktur – ein volkswirtschaftliches Schwergewicht

Der Ausbau und Betrieb von U-Bahn- und Straßenbahnnetzen sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren für die gesamte österreichische Volkswirtschaft. Daher sind Investitionen in die Schieneninfrastruktur gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten von Bedeutung, wie Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte am Beispiel der aktuellen U1-Verlängerung sichtbar sind. Wiener Linien-Geschäftsführer DI Günter Steinbauer betont die Beschäftigungswirkung, die weit über Wien hinausgeht. Wertschöpfungseffekte entstehen allgemein durch Investitionen in die Schieneninfrastruktur auch auf dem Immobilienmarkt. So erhalten Immobilien mit Nähe zum Stadt-, Regional- und Fernverkehr auf der Schiene Zuschläge oder gelten als wichtiges Lagemerkmal einer Immobilie. Investitionen in die Schieneninfrastruktur führen so zu weiteren Investitionen in Immobilienentwicklungen. Der Ausbau und Betrieb der Schieneninfrastruktur sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren von denen ganz Österreich über Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte profitiert.

Wie können die Herausforderungen im ÖV der Städte und Agglomerationen in Zukunft bewältigt werden?

Rechtliche, planerische, technische und finanzielle Aspekte, Erfordernisse und Lösungsmöglichkeiten mit einem Blick über die Grenzen Österreichs hinaus standen im Fokus der von Mag. Albert Waldhör (Linz Linien) geleiteten Arbeitsgruppe. Das Ergebnis: Zur Bewältigung künftiger Herausforderungen muss ein Wechsel des Denkens in Macht und Einflusssphären, hin zum Denken in Kundennutzen erfolgen. Denn in erster Linie bestimmt die Qualität des Angebots über die individuelle Verkehrsmittelwahl. Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit zu forcieren - so wurden Verkehrsverbünde auch dazu gegründet, um das Miteinanderreden zu institutionalisieren. Es gilt gemeinsame Werte und Spielregeln im öffentlichen Verkehr zu stärken und durch Zusammenarbeit Änderungen zu gestalten.

Investitionen in den öffentlichen Verkehr – Wirtschaftsfaktor in der Region

Die Aufrechterhaltung und Förderung des öffentlichen Verkehrs in der Region sichert nicht nur Erreichbarkeit und Lebensqualität. Traditioneller Linienverkehr in Kombination mit bedarfsgesteuerten ÖV-Systemen schaffen Beschäftigung und Einkommen vor Ort, können regionale Identität stärken und die Standortqualität für wirtschaftliche Initiativen fördern. Die Verfügbarkeit des ÖV als Mobilitätsversicherung und Daseinsvorsorge muss dabei langfristig garantiert sein, so der Experte DI Günther Rettensteiner (regionalis). Auch müssen regionale Ausbildungs- und Betriebsstandorte gut angebunden werden. Öffentlicher Verkehr ist ein wichtiger Mitentscheidungsgrund für den Zuzug bzw. die Abwanderung aus einer Region. Bedarfsorientierte Angebote sind als Ergänzung und Zubringer zum Linienverkehr zu sehen. Zersiedelung ist das Hauptproblem, um einen qualitativ hochwertigen öffentlichen Verkehr anbieten zu können.

Welchen Wert hat der öffentliche Verkehr? Was darf er kosten? Wie kann er finanziert werden?

Die Finanzierung eines attraktiven öffentlichen Verkehrs stellt Bund, Länder und Gemeinden vor gewaltige Herausforderungen. Dipl.-Geograph Stefan Weigele (civity Management Consultans) stellt dazu die Frage, inwieweit Drittnutzer bzw. Nutznießer eines attraktiven öffentlichen Verkehrs stärker in die Finanzierung eingebunden werden können. Zum einen durch die Nutzerfinanzierung, d.h. Fahrgäste finanzieren den Betrieb und zum anderen durch Drittnutzerfinanzierung, welche Ersatzinvestitionen stützt. Heute finanziert die öffentliche Hand gemeinsam mit den Fahrgästen den öffentlichen Verkehr. Profiteure etwa des U-Bahnausbaus – zum Beispiel Immobilienentwickler – beteiligen sich gar nicht. Ein logischer Finanzierungsmix des öffentlichen Verkehrs sollte, so eine These, neben den Fahrgästen und der öffentlichen Hand auch auf diesen Drittnutzern basieren. Eine durchaus provokante Forderung ist jene nach einer stärkeren Kostenwahrheit durch höhere Tarife – der Kostendeckungsgrad durch Ticketeinnahmen im öffentlichen Verkehr befindet sich in Österreich bei rund einem Drittel. Zu bedenken wurde hierbei die soziale und ökologische Dimension des öffentlichen Verkehrs gegeben. Der renommierte deutsche Wirtschaftsexperte Prof. Heiner Flassbeck (flassbeckecnomics) hielt einen sehr kritischen Vortrag über die aus seiner Sicht kontraproduktive europäische Sparpolitik, während DI Ernst–Walter Lipka (Infra Dialog Deutschland GmbH) die dringende Notwendigkeit von Investitionen in Aufrechterhaltung und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur am Beispiel Deutschlands darstellte. Über die IGV: Die Interessengemeinschaft Österreichischer Verkehrsverbünde (IGV) ist ein Zusammenschluss aller Verkehrsverbundorganisationsgesellschaften, der VertreterInnen der finanzierenden Gebietskörperschaften und der innerstädtischen Verkehrsunternehmen Österreichs. Einzelne Arbeitsgruppen der IGV beschäftigen sich insbesondere mit den Themen ÖV-Rabattkarte, Qualitäts- und Sozialkriterien in Ausschreibungen und vergaberechtliche Angelegenheiten. 

Georg Huemer

Georg Huemer
Mediensprecher


georg.huemer@vor.at
+43 1 955 55 1512
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